Wie mich die Wucht traf.

Puh, was für ein wirrer Tag. Eigentlich fing er ganz nett an. Wir schliefen aus, verbrachten einen gemütlichen Vormittag zu Hause und gegen Mittag fuhren wir zum Stachus, weil die zwei Männer dort Schlittschuhlaufen wollten. Da, wo eigentlich der Brunnen ist, steht von Mitte November bis Mitte Januar eine Eislaufbahn mit Schmankerl-Hütten, die für’s leibliche Wohl sorgen.

 

Der Eiszauber ist ein teurer Spaß, denn der Verleih für ein paar Schlittschuhe kostet 6,00 € und die Eintrittspreise sind tageszeitabhängig. Für unsere Tageszeit ab 13:30 Uhr zahlten wir für den Mann 5,50 € und für’s Kind 4,50 €. Ich traute mich wegen meinem Fuß noch nicht auf’s Eis, zumal vor ein paar Tagen nochmal ein kleiner Cut vorgenommen werden musste, um den Draht (der in Wirklichkeit ein fießer Nagel gewesen war) zu entfernen. Ich guckte jedenfalls vom Rand aus zu und stand in der Sonne, bei gefühlten +12 Grad. Herrlich. Wir hatten Glühwein im Thermobecher und Plätzchen von zu Hause dabei. Die Männer drehten viele, viele Runden, fast 45 Minuten und dem Kindchen machte es auch Spaß.

 

Nur mir verging mit der Zeit der Spaß am Zuschauen. Nicht, weil ich zu gern mitgelaufen wäre. Ich gucke auch gerne einfach mal nur zur. Vielmehr machten mich die Menschenmassen ganz kirre. Zwei Frauen brüllten abwechselnd in mein rechtes Ohr, eine in das linke, die andere fuchtelte mit ihrem Smartphone vor meinen Augen herum, lehnte sich von hinten an mich heran, um fotografieren zu können, während es von rechts wieder ins Ohr brüllte.  Meinen Platz an der Sonne wollte ich eigentlich nicht aufgeben, aber nach vielen geduldigen Minuten musste ich einfach gehen, weil mir der Kopf platzte.

 

Zudem war ich vollgepackt mit zwei vollen Taschen, der Jacke und den Schuhen des Mannes und als das Kindchen fertig war, wollte er auch noch auf den Arm. Mama Packesel. Die Menschen drängten, der Geräuschpegel war eine Nummer zu groß für mich. Ich wollte weg.

 

Obwohl der Eiszauber wirklich sehr schön ist, war ich am Ende total entnervt. Das Kindchen hatte Hunger und außerdem hatten wir uns schon seit Wochen vorgenommen, die wunderschön weihnachtlich dekorierten Karstadt-Schaufenster am Marienplatz anzuschauen. Also dachte ich, könnten wir das gleich verbinden und vom Stachus zum Marienplatz laufen. Ist ja nicht so weit. Gesagt, getan. Die Menschenmassen in der Kaufingerstraße sind nichts neues, aber zur Weihnachtszeit stehen auch dort überall Weihnachtsbuden und folglich sind noch mehr Menschen als sonst unterwegs. Am Marienplatz angekommen, hatten wir noch nichts Essbares aufgetrieben und meine Nerven lagen mittlerweile komplett blank. Ich kann das einfach nicht mehr, diese Massen. Überalle Gedränge, Geschubste, Geschreie, meine armen Ohren.

 

Am Marienplatz musste ich in die U-Bahn-Station flüchten, um mal durchzuatmen. Am liebsten hätte ich losgeheult. Es war schrecklich.

 

Das Kindchen hatte immer noch Hunger und nach einer Weile hatte ich mich wieder etwas beruhigt. Also gingen wir wieder nach oben, guckten die Schaufenster an und fanden eine Bude mit Fladenbrote. An eben dieser stellte ich mich in die Reihe und wartete, bis ich dran war. Selbstverständlich, es ist ja auch irgendwie klar, rollte ein schwerer Rollstuhl über meinen vor 6 Wochen operierten Fuß. AAAAAUUUUUAAA! Warum gerade MEIN Fuß?? Bei so vielen Millionen Füßen, die da heute dort herumliefen und standen, musste der Rollstohl genau über meinen fahren. Hatte ich es satt!

 

Wir flüchteten in einen Buchladen, das heißt, ich humpelte hinter den Männern her. Dort war es dann ganz nett und ruhiger, wir lasen ein Petterson & Findus-Buch und trafen sogar den Nikolaus, von dem das Kindchen Schokolade abgegriffen hat. Warum bekommen eigentlich die Eltern nie was ab? Ich bin doch auch brav. Meistens. Also eigentlich … manchmal … Themawechsel.

 

Wieder zu Hause war meine Anspannung weg und es ging mir besser. Aber was da heute los war, überwältigte mich. Es war eine Wucht. Ich erinnere mich an ein Erlebnis in Sevilla, Andalusien, als wir in der City ankamen und von Menschenmassen, Geschrei und Autogehupe überrumpelt wurden. Ich glaube, dass ist die älterste Erinnerung daran, wie mir die Lautstärke und die Geschwindigkeit zu viel wurde. Damals war ich im 5. Monat schwanger und musste auch flüchten. Dazwischen liegen viele solcher Erlebnisse an vielen verschiedenen Orten. Im Supermarkt, in der Stadt, am Hauptbahnhof. An anderen menschenüberfüllten Orten möchte ich mich lieber nicht vorstellen.

In den ersten Jahre in München mochte ich diesen Trubel noch und ich kann auch jetzt, nach über 15 Jahren, immer noch sagen, dass ich gerne hier lebe, solange ich das Getöse meiden kann.

 

Aber heute, heute wünschte ich mich nur noch zurück in die einsamen schwedischen Wälder.

 

Oh Du besinnliche Weihnachtszeit.

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