Warum ausgerechnet die Nordländer?

Was macht Schweden eigentlich so attraktiv? Warum zum Teufel fahren wir gleich zweimal hintereinander in das gleiche Reiseland, was wir bisher NIE taten?
Schweden ist ein Outdoor-Land. Ein Land mit wahnsinnig vielen Möglichkeiten, nicht auch, sondern ganz besonders mit (kleinen) Kindern. Damit ist die Antwort schon auf den Punkt gebracht. Kinder wollen draußen spielen. Davon war ich schon immer überzeugt, nicht allein deshalb, da ich selbst als Kind meine Zeit meistens draußen verbrachte. Schon allein wegen Spielzeugmangel in der ehemaligen DDR, wegen des nicht vorhandenen Verkehrs und der Jeder-kennt-Jeden-Nachbarschaft.

Unser Sohn jedenfalls liebte es, im Wald mit Zapfen, Stöcke, Steinen, Ästchen und Gras zu spielen und den Wald zu erkunden, und genau das ist immer und überall in Schweden gegeben. Die meisten der von uns besuchten Campingplätze lagen im oder am Wald und an Seen, durchzogen von kilometerlangen Spazier- oder Wanderwegen, ausgestattet mit Picknick- und Grillplätze, ohne Straßen- und Stadtlärm und viel frischer und wohltuender Luft. So hatten wir immer und überall etwas zu tun und unser Kind brauchte nichts anderes als das, was die Natur hergibt. Ein Selbstläufer. Halbe oder ganze Tag im Wald, mal auf dem Spielplatz oder am See, auf kleinen und großen Kletterfelsen oder auf Ausflüge in der Umgebung. Mehr Wald, mehr See, mehr Outdoor. Damit kann kein Spieleparadies mit unzähligen sinnlosen Spielsachen und nervtötenden Klangspielzeugen im völlig überfüllten Kinderzimmer mithalten (was es bei uns ohnehin nicht gibt und nie geben wird! Schon allein aus Platzmangel.)

 

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Wir stellten fest, dass Schweden für uns das perfekte Land für Familienurlaub ist und noch dazu kinder- und familienfreundlich. Wir zogen nie böse Blicke auf uns, wenn das Kindchen mal etwas lauter war (als der gewünschte Geräuschpegel bei uns in München, den Kinder maximal von sich geben dürfen, um niemanden zu verärgern), was ja praktisch immer überall sein konnte. Wir mussten uns als Eltern nicht ständig darum sorgen, ob unsere Kind andere Leute belästigt. Eine ganz andere Welt. Zu Hause, wo wir so oft bösen Blicken ausweichen müssen oder wo gerade die Älteren den Vogel abschießen und am Tisch in einer Bäckerei mir mit tötenden Blicken sagen, ich solle „das Ding da wegnehmen“. Gemeint war damit mein Kind. Sowas tut einfach nur weh und man möchte diesen Leuten dann gerne eine reinhaun. Genauso rücksichtsvoll wie die Schweden mit Kindern umgehen, gehen auch die Erwachsenen und die Älteren untereinander um. Da gibt’s kein Drängeln an Kassen, kein dichtes Auffahren auf der Straße, kein Anrempeln im Supermarkt, keine Ellenbogengesellschaft. Es geht gesittet zu. Überall. Sogar auf den Straßen sind die Leute ausgeglichen. Es wird nicht gedrängelt oder zu dicht aufgefahren. Der Sicherheitsabstand hat noch eine Bedeutung. In Fachmärkte mit Beratung werden Nummern wie auf deutschen Ämtern gezogen und jeder ist somit der Reihe nach dran. Das wirkt zwar auf den ersten Blick merkwürdig, erspart aber ein „Ich war zuerst da!“

 

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Das attraktivste aber an Schweden ist das Gesellschaftssystem. Zumindest für uns, ich kann ja nur aus unserer Sicht sprechen. Es gibt es keine stillschweigend proklamierten Machtkämpfe. Ein Zustand, den ich hierzulande langsam nicht mehr ertrage! Kein „Ich bin was Besseres!“ Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Denn es gibt das „Jantelag“, das oberste ungeschriebene Gesetz der schwedischen Gesellschaft: „Du bist nicht besser als die anderen“. Ein bewundernswertes Prinzip der sozialen Gleichheit, bei dem es als äußerst unhöflich gilt, dieses Gesetz zu missachten. Dann ragt man als angeberisches Individuum aus der Menge heraus. Das Wort „Besserwisser“ kam bis vor nicht allzu langer Zeit im schwedischen Wortschatz gar nicht vor und wurde aus dem Deutschen eingeschwedischt. Diese Art miteinander umzugehen durften wir oft erleben, ob beim Einkaufen, im Schwimmbad oder bei privaten Kontakten mit verschiedenen Leuten. Ein unumgänglicher Nebeneffekt unseres längeren Aufenthaltes im Land. Ich für meinen Teil würde mir so ein Gesellschaftssystem auch bei uns wünschen, weil ich auf Wichtigtuerei und Überheblichkeit sehr schnell sehr sensibel reagiere. Deshalb ist diese Erkenntnis für mich persönlich eine ganz wertvolle, weil ich weiß, dass es auch besser geht.

Was Hundebesitzer betrifft, so sind diese äußerst rücksichtsvoll. Während mich und das Kind zu Hause schon drei große Hunde unangeleint und mit lauten Gebell fast ansprangen, so dass das Kind endgültig Angst vor Hunden bekam, wird in Schweden jeder Hund, ob groß oder klein, an die Leine genommen, sobald andere in die Nähe kommen. Das führte dazu, dass unser Kind schließlich, als er einen Hund sah, sagte: „Der tut nichts. Der ist angeleint.“ und wollte nicht ständig auf den Arm vor lauter Angst. Er traute sich schließlich auch sie zu streicheln und verlor ein kleines bisschen Angst.

Die Leute sind sehr hilfsbereit. Das beste Beispiel war eine Dame, die uns das passende Kleingeld für den Parkautomat schenken wollte. Fast alle sprechen perfektes Englisch, so kann man sich überall durchfragen und bekommt immer überall Hilfe.

 

So smooth wie sich das alles anhört, ist es auch, und das ist wohl auch der Grund, warum wir uns in Schweden so wohl fühlten. Es dauerte allerdings eine Weile, um das alles herauszufinden.

 

In Norwegen dagegen erwartete uns ein ganz anderes Reisegefühl. Wir merkten schnell, dass es nicht sooo kinderfreundlich zuging. Norwegen, wo die Autofahrer dichter auffuhren und sich nicht an Geschwindigskeitsbegrenzungen hielten. Wo die Leute aufhörten sich zu grüßen. Wo die Landschaft so rau ist wie das Wetter. Wo das Outdoorfeeling nicht aufkommen wollte. Wo die Campingplätze nicht im Wald, sondern nah vielbefahrenen Hauptstraßen liegen. Vor allem aber erfüllen die Campingplätze nur einen Zweck, dort übernachten zu können und sonst nichts. Die Spielplätze nicht immer gepflegt, keine angrenzenden Wälder mit Wanderwegen, in denen das Kindchen forschen konnte. Trampelpfade fehlten gänzlich. Keine Schlechtwetteralternativen, Hallenbäder fehlten oder waren mit ca. 35,00 € für uns drei zu teuer. Keine Grillplätze, obwohl Lagerfeuer angeblich eine Manie der Norweger wäre. Das einzige unseren Wünschen am nächsten kommende Camp, in dem wir uns auch mehrere Tage niederließen und sogar Feuer machen durften, wurde von Niederländern betrieben.

 

Da muss man nichts schönreden, Norwegen bot nicht das, was wir wollten. Es ist ein landschaftlich wunderschönes Land, ohne Zweifel. Aber es ist eher für Rundreisen geeignet als für längeren Outdoor-Erholungs-Familienurlaub und für mehr als drei Wochen ohnehin zu teuer. Wir unternahmen also eine klassische Rundreisen durch die herrliche Landschaft, die zerklüfteten Fjorde, entlang Hunderter kleiner und großen Wasserfälle, vorbei an tiefen Tälern und langen Schluchten, über Gebirgspässe mit Sommerskigebiete und wunderschönen Hochebenen, Gletscher, Seen und Wälder. Als wir glaubten, genug gesehen zu haben, zogen wir zurück nach Schweden.

 

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Zum Abschluss möchte ich noch die Frage beantworten, die mir vor unserer Reise häufiger gestellt wurde. Warum bereisten wir bei so viel freier Zeit nicht aufregendere Länder? Nun ja, ob ein Land aufregend ist oder nicht, ist Ansichtssache. Jeder versteht unter seinen Reisen und Urlauben etwas anderes. Jeder hat andere Erwartungen und letztenendes zählt schließlich nur, seine eigenen Erwartungen zu erfüllen. Deshalb lautet die Antwort: weil wir es so wollten. Weil es unsere Zeit ist, und weil diese Zeit eine erholsame Auszeit sein sollte und keine stressige Reisezeit. Schweden war uns nicht unbekannt, wir urlaubten letztes Jahr schon für zwei Wochen dort und es hat uns sehr gut gefallen. Ich bewundere die Familien, die mit ein oder mehreren Kinder mehrmonatige Weltreisen unternehmen. Aber wir müssen das nicht machen, so gern wir auch verreisen. Jeder Familie ist es selbst überlassen, wie und wo sie urlauben möchte. Wie es mir auch selbst überlassen bleibt, ob ich das Leben anderer Leute gut finde.

 

Abschließend noch ein tolles Motto, welches zu dieser Reise passt: Dass man etwas nicht hat, sollte einen nicht davon abhalten, alles andere zu genießen. Wir haben vieles nicht, aber dafür sind wir bereit, ein Stück sicheres Mainstreamleben gegen etwas mehr Freizeit einzutauschen. Das ist es, was wir wollen und was uns diese Reise geleert hat.

 

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